Blogbeiträge

09.07.2010 03:07 | IT, Webdesign

Tourismus APPs – jetzt oder nie?

Neulich habe ich in einem Workshop bei Google zwei interessante Vorträge bzw. Meinungen zum Thema APPs verfolgt: Der eine – ein Mobile Guru – meinte, in einigen Jahren wird niemand mehr von APPs reden. Der andere – ein Usability Guru – hielt dagegen, dass es in einigen Jahren nur noch APPs gibt statt “normaler” Websites. Die Wahrheit wird wohl irgendwo in der Mitte liegen.

Content und Technik – eine alte Verbindung

iphoneWie schon beim iPod (MP3 ist eine Erfindung vom Fraunhofer Institut!) war Apple nicht der Erfinder des Smartphones, verstand es jedoch abermals durch eine durchdachte Benutzeroberfläche und ein geschlossenes Shop-System (App-Store) zahlreiche “Nicht-Techniker” in den Bann zu ziehen.

In der Regel interessieren sich die wenigsten Benutzer dafür, welches Betriebssystem die Hardware antreibt – ob iPhone OS oder Android oder Symbian usw. Kenner wissen jedoch, dass dies ein entscheidender Faktor für einen langfristigen Produkterfolg sein kann. Andernfalls würden wir schon längst nur noch mit MacOS oder Linux arbeiten – die meisten von uns arbeiten aber nach wie vor auf einem Windows PC; wobei ich persönlich mit Windows 7 vollkommen zufrieden bin.

Was Entwickler antreibt

Wenn Programmierer eine Anwendung entwickeln, dann in der Regel für ein möglichst breites Publikum – genau hier liegt der Knackpunkt: Eine APP, die fürs iPhone entwickelt wurde, kann nicht auf einem Smartphone mit Symbian OS oder Android installiert werden!

Was wir heute unter ein APP verstehen ist in der Regel ein Programm, das über einen APP-Store gekauft, heruntergeladen und installiert werden muß. Technisch gesehen fordert das dem Entwickler sehr gute Kenntnisse ab – für Apple APPs muss man Objective-C beherrschen, verstehen wie der iTunes Store funktioniert und letztlich für jede APP eine Evaluierung von Apple über das APP ergehen lassen. Generell benötigt man für alle Plattformen intensives Knowhow der SDKs (Software Development Kits).

Hingegen hat “einfaches” HTML in Verbindung mit CSS und Javascript gerade in den vergangenen 10 Jahren im Internet ermöglicht, dass Inhalte (Websites) mehr oder weniger auf jedem beliebigen Gerät/PC und/oder Browser abrufbar ist. Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung reversibel ist und Programmierer durch einen einzigen Marktteilnehmer (Apple) wieder zurück ins IT-technische Mittelalter gezwungen werden können.

Ich jedenfalls setze lieber auf OpenSource … nicht umsonst kommt Googles freies Betriebssystem “Android” bei einigen der größten Mobiltelefon-Produzenten zur Anwendung. Überdies scheint sich Android als Betriebssystem für Mobile Geräte schneller durchzusetzen als APPs für Apples iPhone – siehe heise Artikel Android APPs boomen

HTML5 und CloudComputing – der zukünftige Standard

Denken wir uns mal Touch-Icons und diverse optische Elemente auf den Geräten weg, so bleiben schon heute auf fast allen Smartphones einige Standardfunktionen wie GPS, Bewegungssensor, Spracherkennung und einige andere (sensorische) Gadgets übrig.

Das Betriebssystem als Schnittstelle zwischen mobiler Hardware und mobiler Anwendung wird aus meiner Sicht langfristig durch den Browser ersetzt werden; die eigentliche Rechenleistung und “Anwendungs-Intelligenz” selbst werden auf einem Server ausgeführt – so wie bereits heute schon jeder einen Webmailer (GMX, Googlemail, etc.) oder Routenplanung (Google Maps) bis hin zu Online Office und sogar Photoshop Online im Browser – Browser/Plattformunabhängig – verwendet.

APPs werden also Dienste sein, die auf den Servern ausgeführt werden und mittels HTML5-kompatiblen Browser on-demand abgerufen werden; ob man für die APP eine URL im Browser eintippen  oder mit dem Finger auf ein hübsches Symbol tippen oder in einem x-beliebigen APP-Store “will kaufen” sprechen muss ist dabei unerheblich.

In letzter Konsequenz bedeutet das, dass die heute teuer eingekauften APPs neu konzipiert und auf einer Serverbasis (und eben nicht unter Objective-C, etc.) neu entwickelt werden müssen!

Entscheidungshilfe – soll bereits heute eine eigene APP entwickelt werden?

Ich bin davon überzeugt, dass der Hype ums iPhone und die daran geknüpfte Erwartung vieler Touristiker “wir brauchen jetzt sofort unbedingt ein eigenes APP” zum heutigen Zeitpunkt viel nüchterner betrachtet werden sollte.

Stellen Sie sich einfach mal folgende Fragen:

  • Welchen Nutzen hat ein Gast vom APP? Besonders wenn er heute 40 unterschiedliche APPs von Tourismusregionen und 100 unterschiedliche APPs von individuellen Hotels runterladen kann und diese nichts anderes zeigen, als das was bereits heute auf den Websites zu finden ist?!
  • Wie findet der Gast denn überhaupt die APP unter den hunderttausenden im APP-Store?
  • Rechtfertig “ein APP aus prestigegründen” Entwicklungskosten in 4- bis 5stelliger Höhe?
  • Haben Sie daran gedacht, dass eine APP genauso wie eine Website kontinuierlich weiterentwickelt werden muß? Folgekosten? Folgeaufwand?
  • Haben Sie an den Kostenfaktor Datentarife gedacht? Der Anteil an Mobile-Internet-Usern steigt zwar stetig, die Datentarife passen sich jedoch nur sehr langsam an: Im Ausland mal eben schnell ein APP downgeloaded und schwupps ist die Telefonrechnung um mind. 50 EUR gestiegen.

Wenns also nicht unbedingt sein muss, empfehle ich vorerst kein eigenes iPhone APP für Hotels oder TVBs zu entwickeln. Auch wenn sich das jetzt sehr kontrovers liest und einige Vorreiter das Geld dafür schon ausgegeben haben…

Man sollte die Zeit besser dazu nutzen, über DIENSTE (APPs) mit MEHRWERT für Gäste nachzudenken und entsprechende Konzepte entwickeln. Und dann Gehversuche in Richtung HTML5 machen… Ihre Kommentare dazu sind erwünscht!

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